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IAA 2019

Auf ins Eldorado fresher Shapes, fetter Felgen und atemberaubender UX Erlebnisse!

Zur Automesse fahre ich natürlich mit der Bahn, denn auf Stau habe ich so gar keine Lust. Für die entspannte Fahrt hab ich ein Buch dabei. Auf dem Cover die Ikone, Porsche 911, darüber provoziert: „thomas vasek, land der lenker, die deutschen und ihr auto“. Auf der Rückseite bemerkt der Autor noch: „deutscher autowahn“. Mein Zug fährt gerade ein, na dann mal los!

Ich gehöre unbestritten zu den „Lenkern“, die besessen in ihrer „Fahrerperspektive“ Landschaften nach coolen Motorradspots und Städte nach Parkplätzen auschecken und bewerten. Durch das Fahren nehmen Fahrer in Kraftfahrzeugen immer eine Fahrerperspektive ein. Die Macht über unser Auto, das Bezwingen und Beherrschen der Technik kann Freude in uns auslösen. Die Fahrerperspektive beschreibt Vasek als Rausch und Flow-Erlebnis, wenn Beschleunigung und Geschwindigkeit in uns Adrenalinkicks und Bauchkribbeln auslösen. Abseits des Berauschens nimmt der Fahrer leider nicht viel wahr – im Tunnelblick starrt er verbissen auf die Straße und verpasst dabei die vorbeisausende Umwelt. Diese eingeschränkte Sichtweise lässt sich leider überall in der deutschen Automobilgeschichte wiederfinden. Viele „Innovationen“ wurden im besessenen Technikeifer entwickelt, ohne die Bedürfnissen der Umwelt zu sehen.

Durch unsere Autos schlüpfen wir auch in die Rolle des Oldtimer-Veteranens oder Hobby-Rennfahrers, des unerschrockenen Abenteurers oder netten Vatis. Wir tauchen gewollt und ungewollt in die Markenwelten ein – werden BMW- oder Mercedes-Fahrer, Renault- oder Mitsubishi-Pilot, Volkswagen- oder Opel-Lenker. Entsprechend unserer kulturellen Prägung werden wir mit einigen Marken zu Gewinnern, mit anderen zu Verlieren. Wie Bahn-Fahrer werden auch Auto-Fahrer mit Rollenvorstellungen versehen. Diese Rollenbilder „erweitern“ oder maskieren unsere Individualität. Ich bin einer der Kostümbildner.

Die Neuheiten der Messe habe ich natürlich schon ausgecheckt. Der Grund für meine Reise sind allein die Showcars.

“ Solche Entwürfe haben etwas Museales. Sie sind nicht zum Verkauf bestimmt. Die Praktikabilität ist Nebensache. Es sind oft wertvolle, unerreichbare Unikate. Jenseits von jeder seichten Mobilität scheinen solche Werke bereits nach ihrer Herstellung in die ruhigen Hallen eines Museums entschwunden zu sein. In diesen Sklupturen entfalten Designer waghalsige Formen und visuelle Metaphern. Das Blechkleid wirkt wie ein Haute-Couture-Gewand mit dramatisch inszenierten Faltenwürfen und Lichtkanten. Einem lyrischen Text gleich dreht es sich um eine Idee, einen genialen Entwurf, um reizvolle Anspielungen und Metaphern, die in ihrer Mehrdeutigkeit einen schillernden ästhetischen Reiz ausüben.“

Niklaus Schefer, Autodesign lesen, Design&Philosophie

Kurz: also der neuste, geilste Scheiß, den es außerhalb der Designstudios zu sehen gibt. Ein Konzentrat aus Mobilitäts-Visionen, Markenpositionierung und Ausblick auf eine zukünftige Designsprache. Die Besucherreaktionen sind teils bedauerlich ernüchtern – „weischt Karle, des isch doch koi audo“. Notgedrungen knipsen dann viele Männer anstelle der UFO’s die Hostessen. Ich muss mir wohl meine Fahrerperspektive eingestehen. Nagut. Das Design ist top, aber es geht vielleicht an den Erwartungen und Vorstellungen vieler Messebesucher vorbei. Zum Glück gibt es noch Halle 4 mit den Autos, die noch was taugen – den Oldtimern.

spannende Details am AICON

Elektromobilität, SUV und Hybrid – Antriebe sind die großen Schlagworte. Die neuen Antriebskonzepte ermöglichen eine grundlegend neue Fahrzeugarchitektur. In den vielen Designstudien wird das sehr deutlich. Eigentlich braucht es ohne Verbrennungs-Motor z.B. keine Motor-Haube und keinen Motor-Kühler-Grill mehr. Sicher hat die Marktforschung hier früh erkannt, was alles an ein Auto dran gehört, um eine breite Akzeptanz zu finden: „so muss oi audo aussehen“ – schade. Neben den zahlreichen E-SUV auf der Autoschau zeigt Audi in den 4 Konzepten AICON, AI:ME, PB18 und AI:TRAIL, welche neuen Proportionen bei gleicher Baugröße möglich sind. Durch größere Radstände und ein Monoboxvolumen ergeben sich für die Elektromobilität ganz neue Fahrzeug-Grundformen.

Die neuen Antriebskonzepte verändern nicht nur die Volumina – viele plastisch formale Elemente werden zukünftig in Frage gestellt. Aktuell sind viele Fahrzeuggesichter erzornt und aggressiv. Die fiesen Fratzen fördern das „Überholprestige“ – die Autorität eines Autos auf der Straße. Fahrzeugen mit einem großen Überholprestige mache ich schnell Platz für Überholmanöver. Autonome Fahrzeuge werden sich zukünftig nicht durch den Blick in den Rückspiegel von fiesen Fratzen beeinflussen lassen. Das ist auch eine große Chance für neue Wege der Front und Heckgestaltung.

Unerwartet oft gibt es zu den Exponaten Materialkonzepte. Viele Materialien der Conceptcars sind recycled. Naja, vielleicht sind die Kunststoffpartikel in unseren Ozeanen mit einem mal schneller weg als gedacht, wenn Elektroautos aus Ocean Plastic gebaut werden. Hyndai stellt mit der spannenden Studie „45“ die neue Designsprache vor. Neben dem Prototypen gibt es eine sehr umfangreiche Materialbibliothek – das ist weit mehr als Greenwashing. Der Wandel zur E-Mobilität rüttelt auch an den etablierten Materialien im Automobilbau.

Geblendet von produktions-technischen Innovationen und einem selbstbewussten radikal neuen Design glorifizierte Roland Barthes die DS von Citroën 1955 als „magisches Objekt“ und stellte den Vergleich zu gotischen Kathedralen her. In den heiligen Hallen der Autoschau erahne ich, wieso Peter Sloterdijk das Auto als „das Allerheiligste der Moderne“ verachtet. „Er deutete das Autofahren einmal als moderne „Weltreligion“, in der es bloß darum gehe, sich immer schneller zu bewegen, ohne je an ein Ziel zu gelangen, den Fahrer als modernen Kentauren, als Einheit von Mensch und Automobil.“ (Vasek, 2019). Sobald wir das Lenkrad aus der Hand geben – uns auf selbstfahrende Fahrzeuge einlassen, erfahren wir vielleicht keinen Kontrollverlust, sondern eine großzügige Horizonterweiterung. Wir könnten unseren Blick endlich abseits der Straße auf unsere Umwelt und unsere Mitmenschen richten.

Am Ende des Messetages hat mich Thomas Vasek überzeugt. Autos sind nicht nur bei Transportation-Designern ein höchst emotionales Thema. Sie sind Lustobjekte und Designikonen, Statussymbole und materielle Freiheit. Die Exportschlager zwingen uns verengte Sichtweisen auf, derer wir uns bewusst sein sollten. Beruhigt steige ich in den ICE nach Hause. Zwei Notarzteinsätze, 2 Stunden Verspätung – oh man, hätte ich lieber mal das Auto genommen!

„Der Autofahrer unterscheidet sich vom Menschen wesentlich mehr als jedes Insekt“

(Verkehrsexperte Hermann Knoflacher, Deutschlandfunk 2017)